ARNO STERN IN OSNABRÜCK-HALLE 

Osnabrück soll einen „Malort“ bekommen

Am Malort in Paris trafen sich (von links) Ewa Syta, Arno Stern, Thorsten Sandvoß und André Stern. Foto: Sandvoß

Osnabrück. Die durch den Film „Alphabet“ bekannten Arno und André Stern kommen zu einem Vortrag nach Osnabrück. Organisator Thorsten Sandvoß will damit für eine neue Bildung werben – und einen Osnabrücker „Malort“.

Thorsten Sandvoß kann damit leben, wenn andere ihn als Träumer abtun. Entspannt lehnt er sich im Gespräch zurück, als er das sagt, blickt seinem Gegenüber fest in die Augen. Träume seien schließlich wichtig. „Wir brauchen wieder Visionen“, erklärt er. Demnächst will er mit seiner Frau Ewa Syta den Malort Osnabrück eröffnen. Aber er will noch mehr. Sandvoß’ Ziel: die Bildung und die Schulen verändern.

Den Anstoß gab ihm Erwin Wagenhofers Dokumentation „Alphabet“ von 2013, die das auf Leistung gedrillte Bildungssystem kritisiert. Zwei Protagonisten darin sind Arno und André Stern, die Thorsten Sandvoß am morgigen Samstag für den Vortragsabend „Begeistert leben –spielend lernen“ in die Osnabrück-Halle holt. Vater Arno hat vor 70 Jahren in Paris den ersten Malort gegründet – einen Raum, in dem sich Menschen beim sogenannten Malspiel frei entfalten und ihrer „inneren Spur“ folgen können, wie Stern es nennt. Sohn André hat nie eine Schule besucht, spricht aber trotzdem sechs Sprachen und ist unter anderem Instrumentenbauer und Musiker. All das hat der heute 45-Jährige sich selbst beigebracht.

Thorsten Sandvoß und Ewa Syta haben sich an Sterns Malort im letzten Jahr ausbilden lassen. Der inzwischen 92-Jährige hat die Ausdruckssemiologie entwickelt, eine eigene Wissenschaft, die in der Malerei eine Ursprache des Menschen vermutet. Diese Theorie hat Arno Stern entwickelt, als er Kinder auf der ganzen Welt beim Malen beobachtet hat. Dabei entdeckte er, dass diejenigen, die von Schule und Bildung unbeeinflusst sind, sich eines festen Formenrepertoires bedienen, das aus 72 Zeichen besteht. „Formulation“ nennt Stern diese dem Menschen offenbar ureigene Formsprache.

Im Malort sollen Kinder und Erwachsene wieder Zugang zu dieser „inneren Spur“ finden, so Thorsten Sandvoß. Erwachsene würden dabei oft erst einmal abstrakt malen. Und auch Kindern sei der Weg zu dieser inneren Spur oft verschüttet. Denn geprägt durch den Kunstunterricht, würden Schulkinder erst einmal auf einen Auftrag für ein Bild warten, statt einfach draufloszumalen.

Genau das ist aber am Malort gefragt. „Jung und Alt“ sollen dort zusammenkommen und sich „als Menschen begegnen“, erklärt Sandvoß, sie sollen unbeeinflusst sein vom Druck der Außenwelt. Was am Malort passiert, ist demnach kein Kunstunterricht, sondern ein Malspiel, bei dem die Teilnehmer als „Spielgefährten“ ohne Vorgaben dem folgen, was ihnen in den Sinn kommt. Konsequenterweise gibt es auch keinen Kursleiter oder Lehrer, sondern nur den „Dienenden“. Das ist die Rolle, die auch Thorsten Sandvoß und seine Frau am Malort übernehmen. Sie reichen den Teilnehmern Farben und Papier. Eine Besprechung der Bilder und Anweisungen gibt es nicht. Die Ergebnisse werden auch nicht wie Kunst ausgestellt, sondern bleiben am Malort und werden dort archiviert. Das unterscheidet das Malspiel auch von der Kunst. „In der Kunst geht es um das Zurschaustellen und Zeigen“. so Sandvoß. Und damit letztlich wieder um Leistung.

Doch Thorsten Sandvoß will mehr als den Malort zu gründen, der im Mai im Stadtteil Wüste seine Türen öffnen soll. Die Veranstaltung mit Arno und André Stern soll außerdem den Anstoß zur Gründung einer Bürgerinitiative geben. „Osnabrücker Schulen im Aufbruch“ (OSIA) soll sie heißen und an die Berliner Initiative „Schule im Aufbruch“ anknüpfen, die Schulleiterin Margret Rasfeld, Neurobiologe Gerald Hüther und der Jurist und Mediator Stephan Breidenbach gegründet haben. Ihnen geht es darum, dass in Schulen nicht nur Leistungsträger gezüchtet werden, sondern Kinder und Jugendliche ihre Potenziale entwickeln können. Damit sind sie nicht allein. Der Film „Alphabet“ etwa zeigt Wissenschaftler, Unternehmer und Pädagogen, die kritisieren, dass durch den heutigen Leistungs- und Uniformitätszwang viele Potenziale verloren gingen.

Thorsten Sandvoß gehört zu denen, die das in der Osnabrücker Region ändern wollen. „Ich bin ein guter Netzwerker“, sagt er. Schon jetzt hat er bei lokalen Politikern, Wissenschaftlern und anderen Vertretern des öffentlichen Lebens dafür geworben und sie begeistert. Außerdem war er vor Kurzem bei der Gründung des Münchener Bildungsmanifestes dabei – eine Idee, die er auch in Osnabrück umsetzen will. Genau wie einen Bildungskongress. Zuerst einmal findet aber die Veranstaltung mit den Sterns statt, an deren Ende Thorsten Sandvoß für die Gründung der OSIA-Initiative werben will.

„Begeistert leben – spielend lernen“: Veranstaltung mit Arno und André Stern Samstag um 18 Uhr in der Osnabrück-Halle; Karten beim Ticketservice, Telefon 0541/349024.

Quelle: http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/859144/osnabrueck-soll-einen-malort-bekommen#gallery&0&0&859144

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